"Utopia, welches im Deutschen Nirgendwo heißen könte,
ist kein wirckliches, sondern erdichtetes moralisches Land (...) einige
stellen sich darunter eine gantz vollkommene Regierung vor, dergleichen
wegen der natürlichen Verderbnis der Menschen in der Welt nicht
ist und nicht seyn kann...", heißt es beispielsweise in
Zedlers Universallexikon von 1742.
Utopie - was es nirgends gibt - ein Begriff, der sich zusammensetzt
aus dem griechischen "ou", also: nicht, und "topos",
was soviel heißt, wie: der Ort, die Stelle.
Utopie - ein Begriff, der hauptsächlich durch das
im Jahre 1516 erschienene Werk "Utopia" des Engländers
Thomas More bekannt geworden ist. Morus vergleicht darin die damaligen
Zustände in Europa mit einer idealen Gesellschaft, genannt
"Utopia". Er entwirft quasi ein Gegenbild zur Realität.
Utopisches Denken ist aber schon lange vor Morus bekannt,
beispielsweise in Platons "Politeia". Utopien der Renaissance
sind Campanellas "Sonnenstaat" und Francis Bacons "Neu-Atlantis".
Im 18. Jahrhundert folgen kommunistische und humanitäre Utopien
der Aufklärung, später der utopische Sozialismus der frühen
Sozialisten sowie im vergangenen Jahrhundert ökologisch und
marxistisch orientierte Utopien. Im Zusammenhang damit steht auch
die Philosophie Ernst Blochs.
Neben jenen positiven Utopien gibt es aber auch negative
Utopien, die Dystopien, deren bekannteste Beispiele Aldous Huxleys
"Brave New World" und George Orwells "1984"
sind. Mittlerweile gibt es abertausende - zum Teil in Kleinstauflagen
kursierende - utopische Werke. Diese entfalten ihre Inhalte aber nicht nur
auf dem Papier, sondern es wurde und wird auch versucht, ihre Ideen
zu leben.
So sichtet beispielsweise die "New York Times"
im Jahre 1970 in den "United States of Utopia" mehr als
2000 utopische Kommunen, die verteilt auf 34 Staaten ihr
"Nirgendwo" mit mehr oder weniger großem Erfolg
umsetzen. Die Rede ist wohlgemerkt von gelebten Utopien und nicht
von gelebten Dystopien. Eine umfassende Untersuchung über beide
steht freilich noch aus.
Utopien haben einen idealen Charakter, weil sie im Gegensatz zu
einem Parteiprogramm oder zu einem politischen Manifest nicht nur
von einer "besseren", sondern von einer "vollkommenen"
Gesellschaft sprechen. Diese zu erlangen, erfordert implizit oder
explizit das menschliche Eingreifen in die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Hier unterscheidet sich die Utopie von den religiösen, eschatologischen
Vorstellungen eines kommenden Gottesreiches: In den Utopien wird
eben kein göttliches Eingreifen vorausgesetzt.
Womit wir bei der Utopiekritik angelangt wären. Die
Idealität der Utopie kann nämlich unterschiedlich
gedeutet und beurteilt werden. Beispielsweise wird der Utopie oft
vorgeworfen, unrealistische oder realitätsferne Fantasterei
zu sein. Das ist dann der Fall, wenn eine Utopie als Vision einer
Gesellschaft angelegt ist, die im Prinzip verwirklicht werden kann,
der Verfasser jedoch die Mittel zu ihrer Verwirklichung nicht kennt.
Karl Marx wirft den utopischen Sozialisten in diesem Sinne vor,
sie könnten im Gegensatz zu seinem eigenen wissenschaftlichen
Sozialismus keinen Weg zur Utopie aufzeigen, sondern nur von ihr
träumen.
Nach Karl Raimund Popper ist der Marxismus selbst eine Utopie, weil er eine
totale Umwälzung aller bekannten gesellschaftlichen Verhältnisse
voraussetzt. Popper stellt diesem utopischen Denken seine Idee einer
stufenweisen Veränderung der Gesellschaft entgegen. Von einer
konkreten Utopie sprechen wir, wenn das utopische Ideal auf
der Grundlage einer Analyse der bestehenden Gesellschaft und ihrer
Tendenzen entwickelt wird. Die Utopie weist dann nicht nur ein neues
Ziel an, sondern analysiert auch die Mittel zur Verwirklichung dieses
Zieles.
Nach Ernst Bloch ist der Marxismus ein Beispiel für eine
konkrete Utopie. Im Gegensatz dazu kann Utopie auch als eine regulative
Idee aufgefasst werden, das heisst, als ein Prinzip, das lediglich Handlungen
regelt, deren faktische Verwirklichung aber nicht in vollen Umfang
erwartet wird. Wäre dies nämlich der Fall, könnte
die Utopie - entgegen ihrer eigentlichen Intention - unversehens
zum totalitären Staat führen.
Eine Kerbe, in die hierzulande von intellektueller Seite immer
wieder geschlagen wurde und wird: spätestens nach dem Mauerfall
sei der Tod der Utopie endgültig bewiesen. So behauptet
zum Beispiel Joachim Fest: "Was damit endet, ist ein mehr als zweihundert
Jahre alter Glaube, dass sich die Welt nach einem ausgedachten Bilde
von Grunde auf ändern lasse." Für ihn sind Utopien
zwangsläufig Systemutopien, die, ob gewollt oder nicht, in
der Verwirklichung zu totalitären oder jedenfalls inhumanen
Zuständen führen.
Zu einem ähnlich gelagerten Schluss kommt Hans-Magnus Enzensberger
in seinen 1992 erschienenen "Gangarten". Ihm zufolge sei
"nun ein Alltag angebrochen, der ohne Propheten auskommt".
Von einem großen Verlust könne aber nicht die Rede sein.
Zwar sei dies "von großer Tragweite", aber was "einer
solchen Selbstkorrektur (...) zum Opfer fiele, wären zu allererst
die fatalsten Momente des utopischen Denkens: der projektive Größenwahn,
der Anspruch auf Totalität, Endgültigkeit und Neuheit."
Gerd Ueding formuliert 1981 im Rahmen der Bielefelder Forschungsgruppe
zum Thema "Utopie" in seinem Vortrag über "Ernst
Blochs Philosophie der Utopie" Folgendes: "Wo eine ganze
Generation Hoffnung fahren läßt, Utopie preisgibt, sich
in privaten Wunschschlössern bei Alternativies auf dem Lande
verzettelt, wo die Utopie oft nur in einem beschränkten Verstande
als Gegenstand reüssiert, weit, weit hinter Bloch zurückfallend.
Was geschieht, wenn auf diese Weise eine Adäquation des Bewußtseins
an die enttäuschende Wirklichkeit stattfindet, wenn der utopische
Überschuß in diesem unserem Dasein verschleudert wird,
in Routine und modischer Resignation erstickt, was dann geschieht,
das kann man von Angesicht zu Angesicht sehen, wenn man durch unsere
Schulen und Universitäten geht. Verschlossenheit, Borniertheit
des Kaderbewußtseins und Dumpfheit, Ungelöstheit des
Konventionsjugendlichen sind nur die zwei Seiten derselben Sache."
Herb Buchlowski und Andreas Friedrich Halle weisen der Utopie
zwei grundlegende Funktionen zu: Sie soll die bestehende Gesellschaft
kritisieren und eine Gesellschaft skizzieren, die die aufgezeigten
Mängel überwunden hat. Es geht darum, in Richtung Undenkbarkeit zu denken.
Es geht nicht darum, dass einer etwas vordenkt, sondern darum,
dass alle denken. Wenn eine grobe Richtung gefunden ist, dann sollten
die daran Beteiligten einen Konsens finden und diesen verwirklichen.
[Utopische Glossarium]
[Utopische Literatur]
[Utopische Links]
[zurück]