| Zeit,
das alles zu ändern
(...)
Wie sie sprach, o Revol, du glaubst es nicht. Ich wünschte, du
wärest dabei gewesen. Die Landschaft schien immer schneller am
Fenster vorbeizurasen. Innerlich fragte ich mich, warum dies eine
Reise ohne Wiederkehr sein soll. Mascha zählte doch nur
auf, was auf diesem Planeten alles schief läuft. Das war nichts
Neues. Paul hatte so einen seltsamen Ausdruck im Gesicht, die Erzählerin
war wie entrückt, und Sergio konnte ich kaum mehr schnaufen hören.
Mir war, als löste sich alles um mich herum auf. Die Landschaft
raste noch schneller vorbei, wie ein Strich war sie nun; ich fiel,
wurde so leicht, lächelte, fühlte mich wohl, es war nicht
unangenehm, obschon die Dinge, die sie erzählte, zu allem anderen
als zum Wohlfühlen geeignet waren. Unablässig fuhr sie fort.
Ihre Stimme wirkte hypnotisierend, ich hörte:
"Wir
haben aufgehört, nach Lösungen für unsere Probleme
zu suchen. Es regieren die Süchte und Flüchte. Immer
mehr wollen immer mehr haben. Statt die Chancen zu nutzen, die
neue Medien und weltweite Kommunikation uns bieten, pflegen wir damit
unsere Dummheit und unsere Vorurteile über die anderen und gefallen
uns in der Rolle von Allwissenden. In Wahrheit wissen wir nichts.
Statt neue Techniken fantasievoll für die Verbesserung unserer
Situation einzusetzen, pflegen wir damit unsere Zerstörungswut,
unsere Kriegerinnenseelen, und gefallen uns in der Rolle der allmächtigen
Naturbeherrscher. In Wahrheit beherrschen wir die Natur nicht, sondern
zerstören sie. Wir beherrschen ja noch nicht mal unsere Artefakte,
sondern doktern barbarisch damit herum. Und niemand kommt auf die
Idee einer Pflegeversicherung für Mutter Erde. Wir umgeben
uns mit Wegwerfartikeln unter strenger Missachtung der Erkenntnis,
dass die Menschen Bleibendes, Zeitloses, etwas, auf das sie bauen
können, brauchen.
Zeit,
das alles zu ändern. Zeit für das Leben. Zeit für die
Menschen. Zeit für Zeit. Ich fordere als Währung
Zeit. Weg mit dem Geld. Eine Währung für die ganze Welt.
Gleiche Bedingungen für alle, überall. Es liegt an mir,
was ich aus meiner Lebenszeit mache. Es herrscht freie Marktwirtschaft,
denn in meiner Welt gibt es keine Landesgrenzen mehr, keine Zölle,
keine Steuern, keinen Schmuggel, keine Schiebereien, keine Grenzkontrollen,
keine Spionage, keinen Stacheldraht. Die Nachfrage bestimmt das Angebot,
bestimmt den Preis. Es gibt keine Zinsen, keinen Zinseszins. Der unsägliche
Irrglaube des ungebremsten Wirtschaftswachstums ist gebrochen, Qualität
geht vor Quantität. Weg mit der Wegwerfgesellschaft; ich
habe wieder Bezug zu den Gütern, mit denen ich mich umgebe, denn
ich weiß genau, wie viele Stunden ich gearbeitet habe, um sie
mir leisten zu können: eine Stunde Arbeit, eine Stunde Lohn.
Verdient wird am Auftraggeber einer Dienstleistung, eines Produktes,
nicht mehr am Arbeiter. Es gibt keine Ausbeutung mehr; vorbei ist
die Sklaverei. Die Menschen bestimmen selbst, was sie machen wollen,
sie leben und werden nicht mehr gelebt. Wir sind Menschen und können
uns endlich den Aufgaben widmen, die für uns zuträglich
sind. Wir haben die Materie überwunden. Vorbei ist der
Existenzkampf, seine Angst, seine Verzweiflung, der Stress und die
Qual, die er mit sich brachte." (...)
Textauszug aus ZEIT FÜR ZEIT |
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